Denkwerkstatt – Seit wann erzählen Menschen Schöpfungsgeschichten?
Die Suche nach dem Punkt, an dem aus nackter Evolution erzählte „Schöpfung“ wird.
Frage
Wann wurde zum ersten Mal – in welcher Kultur auch immer – eine Schöpfungsgeschichte erzählt?
Also: Ab wann haben Menschen begonnen, die Entstehung der Welt und des Menschen mythisch zu deuten?
1. Wichtige Unterscheidung: Weltalter vs. Textalter
Die Erde existiert seit ca. 4,6 Milliarden Jahren.
Leben seit rund 3,5 Milliarden Jahren.
Homo sapiens seit rund 200–300 Tausend Jahren.
Schöpfungsgeschichten sind viel jünger – sie tauchen erst auf, wenn Menschen:
Sprache,
Schrift,
komplexe Religionen
entwickelt haben. Die ältesten schriftlich überlieferten Texte sind nur wenige tausend Jahre alt.
2. Die frühesten bekannten Schöpfungstexte
2.1 Mesopotamien (Sumer, Babylon)
Enuma Elisch (babylonisches Schöpfungsepos), ca. 12.–18. Jh. v. Chr.
Welt entsteht aus dem Kampf der Götter, aus dem Chaos, aus Urwasser.
Der Mensch wird geschaffen, um den Göttern zu dienen (Arbeit, Opfer).
Mesopotamien ist eines der ältesten Zentren, in denen Schöpfungsgeschichten schriftlich fassbar werden.
2.2 Altägypten
Verschiedene Schöpfungsmythen (Heliopolis, Memphis, Hermopolis).
Grundmotiv: Urwasser, Urhügel, erster Gott, der durch Wort, Atem, Herz die Welt hervorbringt.
Texte: Pyramidentexte, Sargtexte, Totenbuch – ca. 24.–16. Jh. v. Chr. und später.
2.3 Indien (Veda)
Frühe vedische Hymnen (Rigveda), ca. 1500–1200 v. Chr.
Es gibt Schöpfungslieder, in denen nicht einmal klar ist, ob „Gott“ selbst weiß, wie alles entstand.
Sehr philosophische, offene Art, über Ursprung nachzudenken.
2.4 Frühgriechische Philosophie und Mythologie
Hesiods Theogonie (ca. 700 v. Chr.): Entstehung der Götter und der Welt.
Orphische Mythen, später platonische und stoische Weltentwürfe.
2.5 Die biblische Schöpfungsgeschichte
Genesis 1–2 entsteht in der Form, wie wir sie kennen, ungefähr zwischen 7. und 4. Jh. v. Chr.
Sie trägt Spuren von Exilserfahrungen, Kontakt mit Babylon, innerjüdischen Debatten.
Sie ist nicht der älteste Text, aber einer der einflussreichsten im Westen.
3. Gibt es eine „erste“ Schöpfungsgeschichte?
Streng wissenschaftlich müssen wir sagen:
Es wird viel früher mündliche Mythen gegeben haben, die nie schriftlich fixiert wurden.
Wir haben nur die Texte, die Zufall, Klima und Geschichte überleben ließen.
Darum kann niemand seriös sagen: „Die allererste Schöpfungsgeschichte ist X“.
Wir können nur sagen:
Die ältesten schriftlich belegten Mythen kommen aus Mesopotamien, Ägypten, Indien.
Die biblische Genesis ist Teil eines viel größeren Gesprächs der alten Kulturen über Ursprung.
4. Was erzählt die Tatsache, dass Schöpfungsgeschichten so spät sind?
Die Menschheit hat:
hunderttausende Jahre als Jäger und Sammler gelebt,
ohne dass wir Schöpfungstexte von ihnen haben.
Schöpfungsgeschichten entstehen:
mit Sesshaftigkeit,
Stadtstaaten,
Priestertum,
Schrift,
politischer Ordnung.
Man könnte sagen:
Je organisierter eine Kultur, desto stärker das Bedürfnis, die Ordnung kosmisch zu begründen.
5. Kurzantwort für die Denkwerkstatt
Seit wann erzählen Menschen Schöpfungsgeschichten?
– Mündlich wahrscheinlich schon seit Zehntausenden Jahren.
– Schriftlich fassbar werden sie vor allem ab ca. 2000–1500 v. Chr. in Mesopotamien, Ägypten und Indien.
Ist die biblische Schöpfungsgeschichte die älteste?
– Nein. Sie steht in einer langen Reihe anderer Mythen und ist selbst ein später, hochkonzentrierter Beitrag zu der Frage:
„Wie zum Teufel erzählen wir uns, dass es uns gibt?“